„Wir leben in einer Dystopie“

SZ:

Im August 2020 legten die Demonstranten den Soldaten noch Rosen vor die Füße. Diese Zeiten sind lange vorbei. Heute traut sich niemand mehr, öffentlich Kritik an Lukaschenko zu üben. (Foto: Sergei Gapon/Montage: Friedrich Bungert/AFP)

Im Sommer 2020 gingen in Minsk Hundert­tausende auf die Straße. Im Sommer 2021 ist Diktator Alexander Lukaschenko immer noch da – die Demonstranten aber sind verschwunden. Nadeschda, 40, arbeitet als Ärztin und hat vergangenes Jahr offen gegen das Regime protestiert. Weil das heute noch gefährlicher ist, möchte sie ihren vollen Namen nicht nennen.

„Ich kann jederzeit festgenommen oder entlassen werden, so leben wir. Unsere zehnjährige Tochter kennt den Plan, falls ich mich am Telefon nicht melde. Sie ruft dann gleich ihren Vater an und sagt Bescheid, dass ich nicht erreichbar bin. Wenn wir im Treppenhaus Lärm hören, fragt sie: ‚Kommen sie, um dich mitzunehmen?‘ Wir sind vorbereitet.

Von den Belarussen erwarte ich mehr Solidarität. Es gibt viele, die verstehen, was passiert. Aber sie sagen: Ich habe zu essen, ich habe eine Wohnung, ich gehe kein Risiko ein. Diese Gruppe muss man in Bewegung bringen. Die aktiven Menschen haben schon alles getan, was sie konnten. Es gibt keine Proteste mehr, weil sie keine Waffen mehr haben. Sollen sie mit leeren Händen gegen Panzer antreten? Das ist unrealistisch.

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