Andreas Reckwitz, Die Zeit:

Weit weniger Emotionalität verspricht ein drittes Beschreibungsmuster: das der Stagnation. Dafür ist es soziologisch durchaus plausibel. Vieles spricht dafür, dass die USA mittlerweile tatsächlich den Prototyp einer Gesellschaft der Stagnation darstellen. Stagnation heißt: Die Gesellschaft hat Strukturen ausgebildet, die problematisch erscheinen, diese Probleme werden jedoch nicht aufgelöst, vielmehr bleiben die Strukturen über Jahrzehnte stabil. Keineswegs muss eine Gesellschaft der Stagnation also kollabieren. Es geht in ihr weder aufwärts noch abwärts, es geht schlichtweg “immer weiter”. Vieles funktioniert in ihr leidlich gut, und beträchtliche soziale Gruppen sind zufrieden – die Diagnose der Regression wäre also viel zu dramatisch. Zugleich läuft jedoch eine Endlosschleife der immer gleichen Probleme, über die beständig debattiert wird, deren Grundstrukturen aber mehr oder minder unverändert bleiben.

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Die Diagnose der Stagnation enttäuscht gleich zwei Erwartungen gegenüber der modernen Gesellschaft: zum einen die Vorstellung einer Normalität ständigen sozialen Wandels, einer Dynamik in Permanenz. Denn tut sich nicht ständig etwas Neues? Die Politik bietet immer neue Dramatik, und das Internet läuft heiß. Aber es ist kaum mehr als eine scheinbare Dynamik, die amerikanische Gesellschaftsstruktur ist seit den 1990er-Jahren recht stabil. Ohne Zweifel gab es in den USA Phasen erheblichen sozialen Wandels, und die Zeit der 1970er- bis 1990er-Jahre war eine solche; aber danach setzte eher eine Phase des dynamischen Immobilismus ein. Die zweite Enttäuschung lautet: Das Fortschrittsnarrativ macht uns in seinem Vertrauen in eine historische Rationalität glauben, dass der Einsicht in gesellschaftliche Probleme eine Lösung dieser Probleme folgen werde, etwa über Reformen. Nun aber gilt: Dieses Muster von Problem und Lösung ist nicht zwangsläufig. Anerkannte gesellschaftliche Miseren können sich auch über Jahrzehnte hinschleppen, weil keine effiziente Lösung sichtbar oder diese nicht durchsetzbar ist.

Die Merkmale der Gesellschaft der Stagnation sind mittlerweile wohlbekannt. Das Kernproblem besteht in der asymmetrischen Sozialstruktur, in der die Gewinner und die Verlierer der Postindustrialisierung der Ökonomie und der Lebenswelten, die seit den 1970er-Jahren die amerikanische Gesellschaft umgepflügt hat, einander wie Parallelgesellschaften gegenüberstehen. An die Stelle jener von manchen fast mythisch überhöhten, sozial recht egalitären und kulturell homogenen middle class der Nachkriegszeit ist ein Paternoster von Auf- und Abstiegsprozessen getreten.

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Man hat allerdings nicht den Eindruck, dass Deutschland sich der besonderen Rolle bewusst ist, die ihm so mittlerweile stillschweigend zugewachsen ist: Im Kreis der vier großen Länder, die den Kern des westlichen Gesellschaftsmodells auf globaler Ebene repräsentieren, könnte es potenziell wohl noch am ehesten demonstrieren, dass gesellschaftliche Stagnation nicht das langfristige Schicksal des westlichen Entwicklungspfades sein muss. Stagnierende Gesellschaften mit beharrlich andauernden Problemlagen können sich allerdings als erstaunlich stabil darstellen. Inwiefern die USA auch in dieser Hinsicht ein Vorbild sind, wird sich erweisen.

This is really pretty interesting for a couple reasons: I continually see American left commentators making dire predictions about Christian fascist futures, see for instance Chris Hedges, ScheerPost, or see frequent references to The Handmaid’s Tale, which Reckwitz also mentions in this article. In American society I don’t see so much evidence of any sort of generally accepted overarching ideology but rather a recognition of precarity, however. Reckwitz posits a quite believable scenario here, albeit one without the drama of apocalypse which many writers seem drawn to/reassuringly relieved of responsibility by. His suggestion that Germany may continue to avoid the extreme class stratification of the US is also inspiring, and Die Grünen’s continuing fortunes seem to support this.

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