Der Irrglauben von der eigenen Einzigartigkeit

Johannes Schneider, Die Zeit:

In seiner kurzen Fernsehansprache am Mittwochabend beschwor der künftige Präsident der Vereinigten Staaten gleich zweimal die Idee des American Exceptionalism, ohne jedoch das Wort von der Einzigartigkeit der Nation selbst zu benutzen. Er zitierte (allerdings falsch) die Trope von Amerika als “beacon of hope“: Die Nation sei “beacon of light and hope for democracy“, ein “Leuchtfeuer des Lichts und der Hoffnung auf Demokratie”, sagte Biden. Schon Ronald Reagan hatte die Wendung vom hellen Licht in der Dunkelheit der Welt in der Rede zu seiner Amtseinführung im Jahr 1981 benutzt, auch da im Sinne einer Rückbesinnung der USA auf ihre Symbolfunktion. “We will again be the exemplar of freedom and a beacon of hope for those who do not now have freedom“, sagte Reagan damals: “Wir werden wieder das Beispiel für Freiheit sein und ein Leuchtfeuer der Hoffnung für die, die keine Freiheit besitzen.” In einer weiteren Passage seiner Ansprache zitierte Joe Biden auch Abraham Lincolns Worte aus dessen Rede an den US-Kongress am 1. Dezember 1862. “We shall nobly save, or meanly lose, the last best hope of earth“: die USA als letzte, beste Hoffnung der Erde.

Das Problem ist nur, dass das Bild nicht stimmt. Der Trumpismus ist keine Dunkelheit, nach der man nur das Licht anmachen müsste. Der Trumpismus ist Auswuchs just jenes amerikanischen Exzeptionalismus, er ist dessen dunkle Seite. Wenn es einem immer noch bizarr erscheint, dass ein narzisstischer dealmaker, der es als seine Stärke ansieht, nicht verlieren zu können, Zentrum einer faschistischen Revolte mit religiösen Bezügen sein kann, dann folgt man einem falschen Selbstbild der USA.

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